Des Abends
Ihr Schritt gleicht dem einer Elfe. Das lange, wellige, weizenblonde Haar umrahmt ihr Gesicht perfekt. Die eisblauen Augen schauen traurig ins leere. Sie hat ihre Hände vor dem Bauch gefaltet. So passiert sie den mit Säulen gesäumten Innhof des Schlosses. Etwas beschäftigt sie. Ich kann es deutlich sehen. Meine Herrin ist resigniert. Dennoch ist ihr Anblick, in der Abendstimmung, so wunderschön wie die Sonne. Ihre Haut hat die klare Farbe von Milch. Sie bewegt sich nun langsam auf mich zu. Und ich komme mir so klein und unbedeutend vor. Noch nie hat sie mich angesehen. Wenn sie es täte würde mein Herz, vor Sehnsucht nach ihr, in tausend Stücke springen. Mein Blick senkt sich auf den Boden. Und ihr Engelfduft liegt in der Luft. Dass es eben noch nach Regen roch ist nun unwichtig. Sie verschwindet aus meinem Sichtfeld und ich seufze tief. So wie an vielen Abenden zu vor. Und ich hasse mich erneut dafür. Nie würde ich es wagen ihr meine Gefühle zu gestehen. Aber ich würde gern ihr Gemüt aufhellen. Dennoch ist dort dieses brennende Gefühl, dass mich paralysiert.
Ich nehme meine Laute und gehe nun. Wie jeden Abend, habe ich heute nichts mehr zu erwarten. Meine Schönheit, mein Morgen, meine Freude ist gegangen. In einen kleineren Teil des Schlosses ist mein Stammplatz. Jeden Abend wenn es dunkel wird sitze ich hier. Ich nehme meine Laute und stimme ein Lied an. Die Melodie ist leicht aber traurig. Und nun singe ich mir den Schmerz und die Einsamkeit von der Seele. Es kostet Kraft nicht zu weinen, weil ich so unfähig bin. So sitze ich nun eine Weile da und versinke in meinen Gedanken.
Plötzlich, es ist schon späte Nacht, reißen mich Schritte aus meinen Gedanken. Wer kann das sein? Um diese Zeit sind normalerweise nur Wachen hier. Aber diese Schritte sind schnell und unstet. Sie rennen beinahe. Auf einmal sehe ich das Unfassbare. Sie ist es. Nunmehr in einen grauen Mantel gehttps://cms.ausgetraeumt.webnode.com/geschichten/des-abends/hüllt. Aber es ist mein Harz. Meine Liebe. Automatisch senke ich den Blick wieder. Darf ich sie doch nicht ansehen. Nicht mit ihr reden. Was würde der König dann mit mir tun? Wenn gleich ich sowieso nicht mit ihr reden kann. Denn ein Kloß breitet sich in meinem Hals aus und macht das Schlucken schwer und das Reden unmöglich. Sie tritt direkt an mich heran. Was soll ich nun tun? Mein Blick sucht meine Füße.
"Verzeiht mir die Störung, werter Barde.", ihre Stimme klingt glockenhell in meinen Ohren. Der Kloß in meinen Hals wächst weiter heran. Meine Handflächen werden nass und ich stelle zitternd die Laute beiseite.
"Nun ich hatte nicht erwartet euch reden zu hören. Wenn ihr zu hören würdet wäre das mehr als ich erbitten kann.". Zu hören. Gut. Das kann ich. Mein Mund wird staubtrocken. Ihr Engelsduft steigt in meine Nase. Ich möchte sie berühren. Ihr sagen wie sehr ich sie liebe. Und dennoch hasse ich mich wieder. Denn ich kann nicht. Der Kloß schnürt mir die Kehle zu und in meinem Mund breitet sich eine Wüste aus.
"Ich sehe euch jeden Abend am Brunnen im Innenhof. Und ein wenig später sitzt ihr hier und singt diese wundervollen Lieder. Manchmal liege ich noch lange wach und lausche euch.". Nun setzt sie sich neben mich und sucht meinen Blick. Ich kann nicht anders. Bei ihren Worten kann ich nicht anders. Ich hebe kurz meinen Kopf. Doch als meine Augen die ihren streifen ist da wieder dieses brennende Gefühl.
"Dann denke ich viel nach. Aber nicht über die normalen Dinge. Sondern über euch und eure Laute. Für kurze Augenblicke fühl ich mich befreit. Etwas leichter in meinem Kopf.", sie schaut mich kurz an.
"Jeden Abend sehe ich euch und weiß dass, auf Geheiß des Königs, kein Wort über eure Lippen kommt. Ich verstehe es. Dennoch würde ich euch gern für mich singen hören."
Singen? Das kann ich versuchen. Ich nehme wieder meine Laute. Die Seiten vibrieren unter meinen Fingern. Und da wie von selbst, erklingt meine Stimme. Sie stimmt eine Ballade an. Es war die erste Ballade die ich lernte. Sie handelt von Liebe und Mut. Ich bemerke wie sie mich die ganze Dauer des Liedes ansieht. Nicht durchdringend. Eher.... fasziniert. Die letzten Takte schließen das Lied. Sie applaudiert nahezu lautlos.
"Das war wunderschön. Danke.", sie küsst mich auf die Wange. "Ich liebe euch.", flüstert sie mir sanft ins Ohr. Dann entschwindet sie mir. Alles ist wie immer. Aber ich fühle mich wohl in ihrer Nähe. Wir teilen nun dieses Geheimnis. Und manchmal besucht sie mich auf meiner Steinbank und lauscht mir. Auch wenn ich sie nie haben kann. Kann uns keiner die zarte Verbindung nehmen, die wir nun haben.